Manifest zur Situation der Künstler

Manifest in 7 Teilen

Kaine Kunst – kain Stil

Unterschiedliche Sichtweisen – eine Welt

Die Frage nach dem Sinn der Kunst berührt nicht nur die Frage nach dem Sinn des Lebens, sondern steht in unmittelbarem Zusammenhang. Es gibt keine einfachen Antworten; dies gilt ganz besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Denn das Potenzial der Kunst ist nicht einfach messbar. Kunst liefert keinen unmittelbaren Nutzen oder Gewinn. Ihre Kraft liegt vielmehr in einer nicht gesuchten, zunächst vielleicht nur beiläufig anmutenden Wahrnehmung oder Begegnung verborgen. Kunst zeigt sich uns als Rätsel, überrascht uns mit der Magie einer dem Verstand zunächst verschlossenen Botschaft. Sie spricht unsere Sinne an und eröffnet dadurch den Weg Wesentliches zu erahnen. Dies zu entdecken braucht es Hingabe und Finderglück. Der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij hatte, als er 1986 in Paris starb, nahezu jede Hoffnung auf Einsicht aufgegeben. Er glaubte, die westliche Welt stünde am Rande der Zerstörung einer Zivilisation, weil sie die geistig-spirituelle Ebenen völlig ignoriert und sich einem unverzeihlichen und hoffnungslosen Materialismus ausgeliefert habe. Wer die Welt zwar global erreichen will, jedoch weiterhin nur in Grenzen denkt, missachtet ihre Möglichkeiten des Unendlichen. Kunst ermöglicht uns Raum und Zeit unendlich zu durchdringen. Im Alltag ist dies nicht möglich und Wissenschaft begrenzt sich durch Regeln. Künstler hingegen können etwas schaffen, was unser Denken und Empfinden immer wieder aufs Neue beflügelt. Die Geschichte der Kunst gibt uns Hinweise darauf, dass Kunst nur entstehen kann aus einer miteinander verbundenen, unterbrochenen Transzendenz und aus dem Überschreiten dessen, was vorher existierte.

Teil 2

Die Magie der Kunst*

Künstler sind Magier, die in Hochschulen in die Kunst der Künste eingeführt werden oder nicht minder seriös als Autodidakten aus eigener Kraft einer Berufung nachgehen. Jeder sucht auf seine Weise den Stein der Weisen, das Glück oder den Sinn des Lebens zu erfassen.  Sie wissen, dass es kein finales Ergebnis gibt, alles ist im Ergebnis offen. Es ist eine Suche die gleichzeitig nach Außen gewandt ist, die Welt oder ein Stück von ihr zu erfassen sucht. Gleichzeitig  führt sie den Künstler in unbekannte Gefilde seines Inneren. Aus den Wechselwirkungen dieser Reise kann der Künstler erst seine Energie gewinnen, um schöpferisch tätig zu werden.
Dies erklärt vielleicht auch, dass Übung und Fingerfertigkeit alleine nicht das Wesen der Kunst ausmachen. Soweit es eine technische Reife betrifft, bewegt sich der Künstler im Bereich der angewandten Kunst – als Designer, Orchestermusiker, Mediengestalter o.ä.  Hier ist Kunst zweckorientiert, nützlich und überprüfbar. Hier bewegen wir uns sozusagen an der äußern Hülle der Kunst. Dies ist der Bereich, wo Künstler ein Beruf ist, der uns in Form von Schönheit und Ästhetik zunächst anspricht, uns aber noch nicht den Weg einer Sinnsuche eröffnen kann. Die Kraft der Kunst zeigt sich ja nicht allein in ihrem äußeren Erscheinungsbild, sondern sie ist tief unter Oberflächen verborgen und will entdeckt werden. Der Künstler, der hiernach sucht, schert sich nicht um Stil und Geschmacksfragen. Er folgt einer Berufung, fürchtet sich nicht vor den Gefahren seiner Reise, durchwühlt alles ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten. Er unternimmt dies aus eigenem Antrieb, aber auch ersatzweise für all die Menschen, die sich in ihrem alltäglichen Leben nicht auf eine solche Reise begehen können.

* Vergleiche hierzu: Orestis Safiriou, Heinz Zolper. Magie der Malerei /oder/Wie es ist, Du selbst zu sein, Hrsg. Peter Merten, Verlag ArtForum Editions, 2001, 2019 

Teil 3

Geglaubte Wahrheiten*

Künstler sind auf der Suche nach Wahrheit. Ihr Glaube treibt sie an, Dinge zu tun, für die sie vergöttert oder auch verachtet werden können. Sie sind Pioniere und Forscher, die gleichwohl von ihrer Arbeit leben müssen. Der materielle Zwang aller Kleinunternehmer bestimmt auch diese Profession. Dies ist jedoch vielen Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft offenbar nicht bewusst oder es wird verdrängt. Begreifen wir die Bedeutung und den Beitrag  von Künstlern, so darf es keine Frage sein, dass ihre Arbeits- und Lebensbedingungen gesichert werden müssen. Wir entdecken dann, dass Ihnen zumindest die gleiche Bedeutung zukommt wie Priestern oder Astronauten, die ohne Zweifel in allen Gesellschaften gut ausgestattet sind. Für solche Gruppen gibt es großzügige private und staatliche Unterstützung. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, dass man sich mit Kunst schmückt ohne die Arbeitsbedingungen der Künstler zu hinterfragen und zu verbessern. Es kann nicht damit getan sein einzelne Künstler stellvertretend mit Gütern zu überschütten, während das Gros der Künstler unter ständiger Existenznot leidet. Aber dieses Problem steht ja nicht allein, sondern wirft grundsätzliche Fragen auf. Denn dem Grunde nach unterliegt unser System dem Prinzip von teilen und herrschen, das unsere gesamte Arbeitswelt durchdringt. Eine ausgleichende Gesellschaft würde allen Menschen größere Freiheiten verschaffen. Dies zu verhindern ist bisher Ziel jeder Politik gewesen. Eine Kritik an diesen Zuständen ist deshalb stets Systemkritik. Solange Krankenschwestern, LKW-Fahrer oder Supermarkt-Mitarbeiter für ihren zweifelsfrei systemrelevanten Einsatz nur einen unverbindlichen Applaus erhalten und sich ansonsten nichts an ihren Lebensbedingungen ändert, solange hat eine Gesellschaft jedenfalls grundsätzlich ein großes Problem.

Angesichts der Corona Pandemie mit der potentiell tödlichen Erkrankung Covid-19 ist durch den vollständigen oder teilweisen Lockdown das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben stark eingeschränkt. Zum (Un-)Wort des Jahres könnte man den Begriff „systemrelevant“ erklären. Gerade in Zeiten der Not wird deutlich, was systemrelevant ist: Alles was uns am Leben hält und uns zukunftsfähig macht. Ein System, dass Kapital jedoch höher bewertet als Arbeitsleistung und in dem Menschen nicht einmal ein würdevolles Lebensminimum garantiert ist, ist asozial. Dies hat ablesbare Folgen. Brisant wird das Thema der Bedeutung von Kunst, wenn damit unausgesprochen die Existenzberechtigung und soziale Absicherung der Künstler, die traditionell eh schon immer ohne soziales Netz arbeiten, im Raum steht. Als Individualisten leben und arbeiten sie meist in der prekären Situation aller Kleinstunternehmer. Entsprechend schlagen die wirtschaftliche Folgen der Pandemie bei vielen Künstlern hart durch. Wie alle arbeitenden Menschen sind auch Künstler als Werktätige darauf angewiesen, von ihrer Arbeit leben zu können. Auftraggeber für künstlerische Arbeit sind traditionell neben Privatleuten staatliche Stellen, Kirchen, Firmen oder Mäzene. Künstlerförderung geschieht i.d.R. außer über Ankauf zum Teil über Förderpreise und Stipendien.  Eine Gesellschaft, die sich nicht selbst auslöschen möchte, benötigt dringend das Spielfeld der Kunst zur Bewusstseinserweiterung und Gestaltungsfähigkeit. Eine Gesellschaft, die den Zusammenhalt der Menschen nicht pflegt und befördert, verhält sich a-sozial.

* Begriff entlehnt der Monografie: Orestis Safiriou, Geglaubte Wahrheiten. Beitrag zur Philosophie der Kunst, neu hrsg. von Peter Merten, Verlag ArtForum Editions, 2020

 

Teil 4

Freiheit der Kunst

Leistung muss sich lohnen

Kunst ist nicht einfach, Kunst verlangt nach Kraftanstrengung. Menschen, die ihre Zeit dieser Aufgabe widmen, nennt man Künstler. Diese ermöglichen mit der Erfüllung dieser Leistung, dass wir  Kunst überhaupt erfahren können. Kunst ist deshalb im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse; Künstler bedürfen der Hilfe und Unterstützung. Das Armut den Geist und die Sinne beflügele ist ein bürgerlicher Mythos. Künstler benötigen keine Almosen, sondern Einnahmen zur Erledigung ihrer Arbeit und für ihren Lebensunterhalt. Weil ihre Arbeit nicht zu einer direkt messbaren Leistung führt, sind missverständliche Reaktionen vorprogrammiert. Unabhängig von der Sonderstellung der Kunst im gesellschaftlichen Leben benötigen Künstler wie alle anderen Menschen auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Dass Künstler von ihrer Kunst leben können ist einerseits soziale Notwendigkeit, andererseits suchen Künstler Auseinandersetzung und Anerkennung. Denn Aufmerksamkeit und Anerkennung sind wichtige Stimuli und aus ihnen können sie auf wirtschaftlichen Erfolg hoffen. Dieser Erfolg ist notwendig, um ein Atelier (das im steuerrechtlichen Sinne ganz profan eine Betriebstätte ist) zu finanzieren und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Chance auf Wahrnehmung ist also eine wesentliche Voraussetzung, um von der Kunst leben zu können. Dies ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, denn Wahrnehmung hängt nicht in erster Linie von der Qualität der Kunst ab, sondern von der Möglichkeit des Künstlers seine Kunst bestmöglich präsentieren zu können. Welche Werke und Künstler begehrt sind, hängt von vielen Faktoren ab. Nicht immer sind allein künstlerische und kunsthistorische Qualitäten ausschlaggebend. Künstler und ihre Mitstreiter (Kunstvermittler, Galeristen, Kuratoren) sind systembedingt gezwungen sich mit den Mitteln des Marketings am Markt anzupreisen und sich gegebenenfalls zu prostituieren. Das Wesen des Menschen, der Inhalt der Kunst gerät dabei leicht in den Hintergrund. Entsprechend entwickelt sich oft ein erbarmungsloser –  und deshalb auch oft aussichtsloser –  Kampf um öffentliche Plätze und Mittel. Der Zugang hierzu ist unterschiedlich geregelt und gleicht in vielen Fällen eher einem Lotteriespiel oder einem Gunstbeweis. Deshalb bleibt für viele Künstler, die ja nicht nur einem Beruf nachgehen, sondern eine Berufung leben, oft nur die Selbstausbeutung und Unterstützung von Familie und Freunden. Diese Situation dringt meist nicht ins öffentliche Bewusstsein, wo nur eine kleinen Spitze der erfolgreichen Künstler im Lichte steht und damit Ruhm und Geld erntet. Die Orientierung an bekannten Künstlernamen und ihre ständige Erwähnung als sich selbst erfüllender Beweis von Qualität gehört daher zu den Eigenheiten des Kunstbetriebs. Das gewaltige Heer der Kollegen, die nicht im Lichte stehen, und oftmals unter dem Existenzminimum leben, gerät da leicht aus dem Blick. Als Kleinstunternehmer unterhalten sie einerseits einen Betrieb mit allen Verpflichtungen, haben aber gleichzeitig auch in äußerster Not keinen Anspruch z.B. auf Kurzarbeitergeld und Subventionen. Der Stolz gebietet es vielen Künstlern traditionell ihre seit langem bestehende brüchige Lebensgrundlage schön zureden und sich stattdessen am Ethos des Künstlers hoch zuhalten. Vor dem Ausblick auf Zeiten, in denen sich die wirtschaftliche Schere noch weiter öffnen wird, erscheint es ultimativ angebracht die gesellschaftliche Relevanz der Künstler zu hinterfragen. Inwieweit braucht eine Gesellschaft den Kunstbetrieb überhaupt? Welche systemische Relevanz kommt ihm zu?

 

Teil 5

Das Freiheitsverspechen der Kunst

/oder/Kunst – zwecklos?

Natürlich hat die Kunst keinen Zweck zu erfüllen. Ist die Kunst deshalb auch zwecklos? Die Freiheit von aller Zweckmäßigkeit ist doch zweifelsfrei die größte Herausforderung für die Kunst – und ihr vornehmste Eigenschaft. Der Künstler erschafft Kunst, weil es seinem freien Willen entspringt. Dabei zeigt Kunst natürlich Wirkung. Auch wenn Kunst keinesfalls mächtig ist, so geht von ihr dennoch eine Wirkmächtigkeit aus. Erkennt man an, dass ein Kunstwerk seine Wirkung als Spiegel der Seele entfaltet, so erfasst sie selbstverständlich unweigerlich auch gesellschaftliche Zustände. Aus der Vielfalt der Kunstwerke eines Künstlers entsteht in der Folge ein Puzzle, dass seine Sicht auf die Welt darstellt. Dem Betrachter ermöglicht die Werkfülle eines oder unterschiedlicher Künstler seine eigene Vorstellung von der Unendlichkeit, von Vielfalt und Möglichkeiten, zu erweitern. In diesem Sinne ermöglicht Kunst auch Schutz davor, dass Menschen sich nicht in der Bedeutungslosigkeit eines sinnentleerten Dahinvegetierens verlieren. Die menschliche Geschichte zeigt: Kunst ist notwendig.

 

Teil 6

Kunst braucht Teilhabe

Kunst ist aber nicht einfach. Selbstverständlich unterliegt jedes Kunstwerk der Erfahrungsebene und Gefühlslage seines Schöpfers, der die Gabe haben sollte das Leben aus verändertem Blickwinkel zu betrachten und damit zu hinterfragen. Andererseits will Kunst als Botschaft des Künstlers entdeckt und wahrgenommen werden. So wie das Blattgrün das Licht benötigt, so braucht Kunst die Aufmerksamkeit der Betrachter. Dabei unterliegen Künstler und ihre Kunstwerke grundsätzlich den gleichen Mechanismen wie Produzenten und Ihre Produkte am Markt. Deshalb entsteht Qualität der Kunst nicht nur aus eigener Potenz, sondern sie ist abhängig von einem Bündel externer Komponenten. Besondere Präsentationsformen und PR-Strategien erhöhen die Chance möglichst viele Menschen auch an Kunst heranzuführen. Aufmerksamkeit erreichen wird zum eigenen Wert, unabhängig ob das Kunstwerk kulturelle Kraft entfaltet oder nicht. Da scheint es nahezu legitim, dass bei entsprechendem Interesse Marktbeteiligter sogar große Mittel und enge Kontakte eingesetzt werden, um einen Künstler vor anderen besser zu positionieren. Dagegen ist nichts zu sagen, so lange nicht ein Ziel um jeden Preis erreicht werden soll. Dies geschieht da, wo Kunstgeschichte und damit Geschichte verfälscht wird. Belangloses wird aufgepumpt wird und auch mit größtem Aufwand an technischer Ausführung wird manchmal nur weiterhin Belangloses vermittelt. In solchen Fällen mutiert Kunstkritik zur Marktberichterstattung. Die Folge: Investition muss sich auszahlen. Was zählt ist Quote. Öffentlich finanzierte Einrichtungen werden unter Einsatz von Fachgremien erschlossen. Die Konzentration auf Monokulturen verspricht schnell vorzeigbare Ergebnisse. Im Mainstream der Monokulturen werden zunehmend widersprüchliche Positionen verdrängt oder ganz ausgemerzt. Mit der Freiheit der Kunst hat dies möglicherweise wenig zu tun. Wo wenige an die großen Fleischtöpfe gelangen, drohen andere zu verhungern, bevor sie eine Chance erhalten, dass ihre Kunst überhaupt in den Blick des Betrachters geraten kann.

Kunst braucht  die Teilhabe von Künstler und Betrachter. Um diese Teilhabe wird mehr oder weniger heftig gerungen, denn sie verspricht Ruhm, Geld und Ehre. Streitkultur ist etwas Wunderbares, sie kann zur Qualitätsprüfung beitragen. Undurchsichtige Methoden und Durchsetzung sachfremder Interessen können jedoch sehr leicht den Prozess einer demokratischen Teilhabe behindern. Sie sind nicht nur unfair gegenüber den Künstlern, sie bringen vor allem den Betrachter um den Genuss vieler Besonderheiten und Entwicklungen. Die Freiheit der Kunst ist stets auch ein Symbol für die Freiheit des Menschen. Sie erinnert und mahnt, dass der Mensch nur in Freiheit würdig leben kann. André Breton brachte es einst auf den Nenner: Das bloße Wort Freiheit ist das einzige, das mich noch erregt. Wenn wir verstehen, dass die Freiheit der Kunst nicht nur ein sehr hohes Gut ist, sondern eine ständige Aufforderung zur Freiheit des Menschen, dann sollten wir ihr einen neuen Stellenwert beimessen. Es ist deshalb eine politische und gesellschaftlich-pädagogische Aufgabe einen lebendigen Kunstbetrieb zu unterstützen und Verzerrungen zu unterbinden. Natürlich ist allen Beteiligten bewusst, Angebot und Nachfrage befördern den Wettbewerb. Dieser Wettbewerb benötigt allerdings Chancengleichheit als faire Voraussetzung. Auch auf die Gefahr hin, dass technisch und intellektuell fragwürdige Werke nur als Exkremente der Reviermarkierung dienen – was übrigens immer ein Problem darstellen kann –, die Diffamierung der sogenannten Subkultur gegenüber einer musealen High art ist zunächst ein soziales, weniger ein künstlerisches Phänomen. Für die Entwicklung der Kulturen ist es jedoch von Bedeutung, dass gerade Ver-rücktes und Seltenes den Kanon der Kunst bereichert. Jeder Künstler arbeitet aus einem Gefühl heraus, er stellt Fragen, auf die er Antworten sucht. Kunst kann uns den Blick auf Neues oder so noch nie Gesehenes eröffnen. Eine solche Forderung braucht allerdings generell ein erweitertes Bewusstsein und vor allem Solidarität unter den Marktteilnehmern.

 

Teil 7

Anstoss erregen

Ausbrechen und Durchbrechen von Regeln

Der Künstler ist niemandem und zu nichts verpflichtet. So lautet das Credo des modernen Künstlers. Die Aufhebung der Stile macht ihn auch formal frei.  Nur so kann er schließlich seine eigentliche Aufgabe nachkommen, dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Es ist dabei nicht das Werk als Objekt, das diesen Kraftakt meistern kann, sondern das Vermögen des Künstlers etwas zu schaffen – und sei es durch Auswählen und Benennen – dass die Gefühlen beansprucht und damit in der Lage sein kann den emotionalen Intellekt herauszufordern. In dem Maße, wie ihm dies gelingt, in dem Maße entsteht große Kunst – oder auch nicht. Es ist dabei bereits der erste Schritt getan, wenn es dem Künstler gelingt seinen Finger in eine offene Wunde zu legen. Eine erleuchtende Aufgabe (illuminans) habe die Kunst, schrieb Dante. Sie lichtet die Wirklichkeit. Mit der Chance  sich als Mensch in der offenen Begegnung mit einem Kunstwerk zu entdecken beginnt auch die Chance sich gesellschaftlich relevanten Fragen zu öffnen. Denn in der Kunst wohnt jene Kraft, die den Menschen eine Anschauung der Wirklichkeit in Freiheit ermöglichen kann. Sie wirkt sich als Erziehung zur Freiheit und als Anleitung zum Selbstdenken aus.

Kunst kann Anstöße geben, bedarf die Freiheit der Kunst deshalb der Anstößigkeit? Dies ist nicht einfach zu beantworten. Ist die Darstellung pornografischer Themen anstößig, wenn nur auf diese Weise eine künstlerische Idee ausgeführt werden kann? Ist die Gleichung Kunst = Kapital pervers, wenn der Kunstwert durch Geld bestimmt ist? Anstößigkeit allein liefert jedenfalls keinesfalls den wesentlichen Beweis ihrer Freiheit. Zwanghafte Anstößigkeit an sich ist deshalb auch kein entscheidendes Kriterium für oder gegen Qualität der Kunst. Wer mag beurteilen wo die Kunst aufhört, Unfug oder entkleidete Provokation anfängt. Die Freiheit der Kunst ist jedoch dadurch definiert, dass sie sich aller Methoden bedienen darf, die zur Durchsetzung einer Idee oder eines Entwurfs erforderlich sind. Die Entscheidung darüber wie gut die Botschaft des Künstlers im Kunstwerk umgesetzt wurde liegt beim Betrachter, wenn er in der Lage ist den ästhetischen und intellektuellen Gehalt eines Kunstwerks zu erfahren. Damit weder die Kunst noch die Bewertung sich in Bedeutungslosigkeiten oder in Maßnahmen gegen die Menschlichkeit auswirken, bleibt als einzige Instanz die Kant’sche Maxime:  die Abwägung konkurrierender schützenswerter Rechte.

(c)Peter Merten / Heinz Zolper / Leon Fontana