Kunst als lebendiger Organismus

Es fällt auf, die Situation in der Kunstwelt war und ist nicht anders als im übrigen (Wirtschafts-)leben. Üblicherweise werden Positionen im Wettbewerb durchgesetzt. Wettbewerb verspricht Messbarkeit der Qualitäten. Qualitäten sind aber nicht einfach zu messen. Entscheidend für den Erfolg wird deshalb Aufmerksamkeit. Diese verspricht Bedeutung und Geld als sichtbare Qualitätsmerkmale. Da sind Wettbewerbsverzerrungen vorprogrammiert. Entsprechend wird ähnlich der Situation in der Agrarindustrie mit der Macht des Geldes und der Fläche Optimierung in Monopolbildungen gesucht. Wie soll da der Mensch die notwendige Vielfalt der Sichtweisen kennen lernen, um einen eigenen Blick auf die Welt entwickeln und vorstellen zu können?

Die Verzerrung des Wettbewerbs im Kunstbereich stellt keine Ausnahme dar. Ein liberales Wirtschaftssystem lebt vom Gewinn des einen, der einen Verlust anderer in Kauf nimmt. Verzerrung findet entsprechend auch ständig statt zwischen Künstlern und Künstlerinnen, durch unterschiedliche wirtschaftliche Ressourcen der Künstler, durch den Einsatz von Investoren, im Einsatz der Städte und Länder um kulturelle Hegemonie. Auch der Wissenschaftsbetrieb wird umworben. Aufnahme eines Künstlers in Dissertationen oder Fachartikeln befördert durch ihre „Heiligsprechung“ natürlich dessen Bedeutung.  Investoren achten darauf und nehmen gerne Einfluss zur Gewinnmaximierung. Ein besonderes Fiasko stellt die Installation einzelner Experten für jeweils einen Künstler dar, da sie ein schier unüberwindliches Meinungsmonopol schafft und dadurch den wissenschaftliche Anspruch einzelner Fachgebiete schlicht ad absurdum führt. Solche Maßnahmen und Konstrukte sind Sargnägel einer freien Kunst und freien Wissenschaft. Wo bleiben Gleichberechtigung und Objektivität, wenn als Beispiel zeitgleicher Entwicklungen willkürlich eine Person aus einer breiten Entwicklung ausgewählt und als Vorbild positioniert wird? Wohlgemerkt, es geht nicht darum hoch dekorierten Künstlern per se Qualität abzusprechen. Umgekehrt wird ein erfolgloser Künstler auch nicht mit Unterstützung kunstfremder Mittel kulturell inspirierender. Zur Debatte steht ausschließlich die Chance von Künstlern und Kunstfreunden am offenen Kunsterleben teilnehmen zu können. Jeder Mensch, im privaten wie im betrieblichen Rahmen ist aufgefordert und hat das Recht Kunst als lebendigen Organismus zu erfahren und zu erhalten. Historisch ist es die vornehme Pflicht des Staates durch Kunst- und Kulturverwaltungen Kunst zu fördern und zu pflegen. Dies schafft bisher Abhängigkeiten Einzelner, keinesfalls aber bessere Rahmenbedingungen für die Künstlerschaft. So wie die Geldtempel der Banken nichts vom Elend erzählen, so vermitteln Kirchen, wie auch Kunst- und Musiktempel nichts über die Verhältnisse zu ihrem Zustandekommen.  Solange das Missverhältnis von Arbeit und Kapital, von Leistung und Einkommen nicht grundsätzlich überdacht und geändert wird, so lange bleiben Teilhabe und Gleichberechtigung hohle Worte.

Leider gilt dies auch für den Bereich der Künstlerschaft selbst, wo weltweit einigen Künstlermagnaten ein Heer wirtschaftlich weniger glücklicher Künstler gegenübersteht. Hier muss sich einiges ändern, wollen wir den Grundsatz freier Menschen, dass sich Leistung und Mut lohnen sollte, nicht offenen Auges schreddern.

Leon Fontana I HZ / PM –