Heinz Zolper – Kunst als soziale Herausforderung

Das Leben gerät ständig und überall aus den Fugen. So erleben wir immer aufs neue gesellschaftliche Bewegungen, die aus persönlicher Frustration oder aus offener Kritik an Einzelzuständen oder Missständen des Systems entstehen. Kunst kann das nicht ändern. Verändern können nur Menschen etwas.

Angesichts dieser Situation erscheint die Frage legitim,
was kann denn die Kunst überhaupt?

Joseph Beuys formulierte einst den Aufruf: Jeder Mensch ist kreativ und kann ein Künstler sein, wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert. Eine andere Position bringt die Subkultur hervor. So sind Graffitis als eine Ästhetik des Widerstands zu verstehen. In beiden Fällen darum, welche Rolle kann der Mensch in der Gesellschaft einnehmen. Die Eroberung des öffentlichen Raums schafft den Erfahrungsraum für das eigene Empfinden. 

Als Individualisten beanspruchen Künstler das Recht auf Ausleben und Performance von Einzelpositionen. Kunst wird vom Betrachter als Möglichkeit erfahren solche Einzelpositionen zu antizipieren, ohne Zeit und Mühe in vorangegangene Prozesse verwenden zu müssen. Die einfache Begegnung mit Kunst schafft die Möglichkeit einer vielschichtigen psychologischen Auseinandersetzung mit Erkanntem und Assoziiertem. Im Prinzip leben allen Künstler in einer selbstgeschaffenen Kapsel, aus der sie sich vorbehaltlos den Luxus gönnen beherrschende Ökonomien eigenhändig zu erforschen oder an sich selbst ausprobieren. Grundsätzlich zeigt sich dies als Ergebnis künstlerischer Tätigkeit in jedem Werk. Im Prinzip eignet sich für alle Menschen bereits der Luxus der Pause zur Reflexion. Abhängig von der Erfahrung des Künstlers und seinen Möglichkeiten der Bildsprache erhält der Betrachter jedoch mit dem Kunstwerk ein Medium in einen Dialog treten. Dabei muss der Betrachter darauf vertrauen, dass die universelle bildhafte Sprache der Kunst auf ihn möglichst ungefiltert wirken kann und keine sachfremden Momente den Dialog unterbrechen oder ablenken. Als Prämisse einer sozialen Gemeinschaft sollte Künstlern der notwendige Freiraum bereit stehen ihre Arbeit auszuführen, sie zu präsentieren und natürlich von ihr zu leben. Soziale Gemeinschaft braucht fairen Ausgleich; wo er fehlt ist etwas krank.

Kunst repräsentiert die Träume und die Wirklichkeit von Menschen. Das machte sie zu einem wichtigen Werkzeug und Zeugen der Entwicklung. In dem Maße wie dies im Vordergrund steht, bestätigt sich auch die Systemrelevanz der Künstler. Früher wurde Kunst in den heiligen Räumen der Tempel und Kirchen gehuldigt, sie war auch ein Mittel Macht und Reichtum zu demonstrieren. Nach einer Phase sozialistischer oder zumindest basisdemokratischer Vorstellungen, genießt Kunst aufs neue einen besonderen, fast sakralen Status. Mit Erstarkung des internationalen Kunsthandels in der zweiten Hälfte des 20. Jh. hat der Dienst der Künstler für die gemeinsame Sache scheinbar stark nachgelassen. The winner takes it all lautet im dominierenden Kunstmarkt die Devise nach den Regeln der Börse. Wenn jedoch Individualismus zu Egoismus führt, gerät der zentrale Gedanke der Kunst als kulturelles Element in Vergessenheit. Dennoch gibt es Künstler, die weder zur eigenen Therapie noch im Hinblick auf steigende Bedeutung und entsprechende Einnahmen tätig werden.

Ein Künstler, dem dieses Talent zu eigen ist und der seine Unabhängigkeit stets verteidigt hat, ist Heinz Zolper, Maler und multimedialer Akteur. Für ihn ist es offensichtlich immer aufs neue ein Vergnügen persönliche und gesellschaftliche Erfahrung zu filtern und durch Kunstwerke einen essentiellen Beitrag zur Gesellschaft beizusteuern. Über Jahrzehnte engagiert sich Zolper auf seine unverwechselbare Weise für ein Miteinander in „Liebe und Respekt“. Mit Verve, Witz und dem Genie einzigartiger Einfälle bearbeitet er stets aus aktuellem Blickwinkel und über alle Medien hinweg historische, gesellschaftliche und esoterische Themen oder widmet sich spielerisch kunstimmanent dem Werk bekannter Kollegen. Sein Werk ist vielschichtig und reicht vom skandalösen Geldboden, über Film- und Musikproduktionen bis hin Zeitschriftenprojekten oder multimedialen Performances. Im Zentrum seiner Arbeit steht jedoch stets die Malerei; sie gibt ihm die beste Möglichkeit seine Vorstellungen und Wünsche zu entwickeln und auszuleben. Legendär ist seine Zusammenarbeit mit Andy Warhol und der kollegiale Austausch über viele Jahre. Bekannt wurde er vor allem durch die Erschaffung einer zentralen Metapher, die er augenzwinkert als „Damen-Kult“ zelebriert. Dies gelingt ihm in Gestalt einer auf wenige Merkmale reduzierten Frauenbüste, die in vielen seiner Gemälde, Grafiken und Skulpturen eine unübersehbare Signalfunktion übernimmt. Die Schaffung eines Markenzeichens ist ihm dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel die Bedeutung das Schützenswerten zu verdeutlichen. Er ist Maler und diese Fähigkeit nutzt er die Welt zu entdecken. Seine Werke eröffnen entsprechend dem Betrachter die Möglichkeit aus alltäglicher Routine heraustreten und sich mit einer andern Sichtweise auseinandersetzen zu können. Dies ist oft sehr witzig, im Einzelfall mag es auch anstrengend sein, aber immer wieder aufs neue sind seine Arbeiten spannend und unterhaltsam.

Die Welt mit den Augen des Malers zu betrachten erschafft ihm die Möglichkeit der Unendlichkeit der Welt und Vielfalt des Lebens mit adäquaten Mitteln zu begegnen. Hieraus leitet Zolper denn auch seine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber ab. Zolper verweist darauf, dass das grundlegende Wesen einer freien Gesellschaft sowohl der Akzeptanz der Differenzierung wie auch in der Übereinstimmung von gemeinsamen Werten besteht. Als Anhänger unseres Wertesystems, erteile ich mir den Auftrag zur Gutgläubigkeit verkündet er denn auch in großer Auflage einer offiziös wirkenden Grafik. Wo Wissen fehlt gibt Glaube Halt. Der Willen des Künstlers zur Wahrnehmung und zur Offenbarung seiner Wahrnehmungen im Werk bedeutet jedoch nicht eine Verpflichtung des Betrachters sich bekehren zu lassen. Im Gegenteil, Zolper möchte den Betrachter zunächst einfach erreichen. Um Beachtung zu finden, muss Kunst die Chance haben gesehen zu werden. Zolper möchte mit seinen Werken den Betrachter deshalb im privaten wie im öffentlichen Raum abholen. Wenn Empfinden und Denken angesichts seiner Kunst Freude bereiten und sein Anliegen eines respektvollen Miteinanders wirkmächtige Achtung erzeugt, so ist Kunst davor gefeit zur dekorativen Begleitmusik zu pervertieren. Beachtung wird durch Betrachten erst möglich. Ob aus der Beachtung des Betrachters eine Achtung des Kunstwerks und damit des Künstlers entsteht, liegt dann nicht mehr im Ermessen des Künstlers. Was zählt ist die Botschaft.

Bei allem Ernst – Humor, Satire, Stilbrüche und Materialmix sind seine Mittel der Ansprache. Als Nonkonformist ist Zolper weder gesellschaftlich verpflichtet noch Zuträger eines Kunstmarktes. Dennoch verkennt er nicht, dass Kunst, die nicht gezeigt wird, auch nicht den Betrachter erreichen kann. Und ohne den empathischen und geistig aufgeschlossenen Sammler kann er, wie jeder andere Künstler auch nicht seiner Profession, die weit mehr als ein Beruf ist – aber eben auch dies – nicht nachgehen. In seinem Schaffen ist er ein junger Künstler geblieben, die Reife des Alters ermöglicht ihm dabei aus einer gewissen Distanz seine Überlegungen einzubringen. Seine Unabhängigkeit verschafft ihm und seinem Werk eine respektvolle Position. Es ist also nur folgerichtig, dass Zolper diese Position nutzen möchte, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen einzufordern, die dem Künstler im Schulterschluss mit allen anderen Berufsgruppen in einer freien Gesellschaft zugestanden werden sollten. Wenn wir Demokratie ernst nehmen, können wir nicht Vernunft und Empathie missachten und das Recht des Stärkeren akzeptieren. Zolper ist davon überzeugt, dass alle Menschen, Frauen, Männer und Kinder, wir einen Schutzschirm brauchen um sich frei entwickeln zu können und dabei würdig zu leben. Wenn allen Menschen gleiche Chancen und Sicherheiten zuteil werden sollte – eine Durchsetzung ist wirtschaftlich unzweifelhaft möglich – so erhalten wir selbstverständlich deshalb keine kommunistische Gesellschaft. Im Gegenteil – durch Chancengleichheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit schaffen wir erst endlich das, was seit eh und je zum Credo der Wirtschaftsliberalen gehört ohne selbst für sich konsequent angewendet zu werden: Leistungsgerechtigkeit.

PM